Einleitung

Im Bildungsbereich spielt das Lernen in und mit Geschichten vor allem im Kindergarten und in der Grund- oder Primarschule eine bedeutende Rolle. Durch den Einsatz verschiedener Medien werden Geschichten für die Kinder gegenständlich oder im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“. Die Unterstützung einer Erzählung durch unterschiedliche Medien stellt dabei kein neues Phänomen dar. Neu sind jedoch die Medien – wie zum Beispiel Tablets – die zum Einsatz kommen (vgl. Kuhn 2014). Im Folgenden soll basierend auf den Erfahrungen aus dem Tablet-Projekt my-pad.ch gezeigt werden, wie Tablets im Deutschunterricht für das Erzählen digitaler Geschichten eingesetzt werden können bzw. welche Apps sich als besonders hilfreich erweisen. Am Projekt my-Pad.ch beteiligten sich während zwei Jahren (2012–2014) insgesamt 250 Schülerinnen und Schüler sowie 45 Lehrpersonen aus zwölf Klassen. Die teilnehmenden Lehrpersonen tauschten sich dabei laufend auf dem Projektblog aus und hielten Empfehlungen für zahlreiche Apps sowie Unterrichtsideen fest (vgl. Roos/Schwab 2014). Das Projekt wird aktuell in kleinerem Umfang (ohne Begleituntersuchung) weitergeführt und dabei von der Beratungsstelle für digitale Medien und Unterricht (imedias) der Pädagogischen Hochschule FHNW betreut. Viermal im Jahr treffen sich rund 25 Projektlehrpersonen verschiedener Schulstufen zu halbtägigen Weiterbildungsveranstaltungen und erarbeiten didaktisch sinnvolle Umsetzungsmöglichkeiten zu mobilem und kooperativem Lernen mit Tablets. Während des Schuljahres steht jeder Klasse für einen gewissen Zeitraum ein Set Tablets zur Verfügung, um Unterrichtsideen und Apps in der Praxis erproben zu können (vgl. Graf/Mäder 2014).

Begriff

Unter Digital Storytelling bzw. dem digitalen Geschichtenerzählen wird eine Form des Erzählens verstanden, bei der zusätzlich zum mündlich vorgetragenen Text verschiedene multimediale Elemente wie Bild, Ton, Animation oder Video eingesetzt werden. (Kuhn 2014, S. 3)

Durch die Kombination erzählender Elemente mit verschiedenen digitalen Mitteln können durch den Einsatz von Tablets und benutzerfreundlicher Apps (s. unten) individuelle Geschichten erzählt und über das Internet veröffentlicht werden. Eine Digital Story kann für beliebige Inhalte herangezogen werden und zeichnet sich in der Regel durch eine individuelle Sichtweise aus (vgl. Kowalski 2013). Das Erzählen digitaler Geschichten bietet viel kreatives Potential für alle Altersstufen und ermöglicht die Förderung sprachlich relevanter Inhalte sowie die Entwicklung der Medienkompetenz: Eine selbst erfundene Geschichte wird als Kurz- oder Trickfilm umgesetzt oder eine Klassenlektüre in Form eines digitalen Comics oder Fotoromans erarbeitet. Mit dem Einzug von Tablets an den Schulen ist das digitale Erzählen von Geschichten noch einfacher geworden. Bereits Schülerinnen und Schülern aus dem Vorschulbereich gelingt es, ihre Geschichten in Form eines digitalen Buches zu präsentieren. Bildmaterial, Videos, Töne und Texte können ohne großes medientechnologisches Können zu einer multimodalen Erzählung verbunden werden. In Kombination mit den passenden Apps ermöglichen Tablets, die uralte Tradition des Erzählens mit multimedialer Technik zu vereinen und ansprechende Produkte zu erstellen. Die Lernenden müssen die Lerninhalte dabei gut verstanden haben und sich intensiv mit diesen auseinandersetzen. Die mobilen Geräte ersetzen hier keineswegs die „herkömmlichen“ Unterrichtsmethoden, sondern sie sind vielmehr als Werkzeuge zu sehen, welche die unterschiedlichsten Formen des Digital Storytelling im Deutschunterricht aufgrund ihrer technologischen Vorteile wesentlich vereinfachen bzw. neue Präsentationsformen und Zugänge ermöglichen. Dank dem schnellen Zugriff, einer langen Akkulaufzeit sowie der einfachen Handhabung und einer großen Anzahl von Apps sind die Geräte hochvariabel für unterschiedlichste Unterrichtsszenarien nutzbar und unterstützen den Unterricht. Die Tablets können zudem örtlich unabhängig eingesetzt werden und ein spezieller Informatikraum ist auch nicht mehr nötig, um die digitalen Erzählungen zu bearbeiten. Dies ist gerade bei der Produktion einer digitalen Geschichte von Vorteil, da in diesem Zusammenhang häufig projektartig bzw. kooperativ zu zweit oder in kleineren Gruppen gearbeitet wird. Besonders motivationsfördernd ist für die Schülerinnen und Schüler, dass ihre selbst produzierten digitalen Geschichten nicht nur von der Lehrperson gesehen und beurteilt werden. Dank der integrierten Exportmöglichkeiten der Apps besteht die Möglichkeit, ihre Geschichte mit Klassenkameradinnen und -kameraden, Eltern oder Peers zu teilen bzw. diese im Internet zu veröffentlichen.

Empfehlenswerte Apps

Die folgenden Apps sind einfach und komfortabel zu bedienen. Lehrpersonen und Lernende finden sich in der Regel rasch auf der Oberfläche bzw. mit den verschiedenen Funktionen zu recht. Die empfohlenen Apps wurden unter dem Betriebssystem iOS erprobt. Einige der Apps werden auch für das Betriebssystem Android angeboten. Zudem gibt es vergleichbare Alternativen, auf die an dieser Stelle aber nicht eingegangen werden kann.

Book Creator (iOS/Android): Das Gestalten von eBooks ist mit dieser App einfach und bereits im Vorschulbereich möglich. Texte können problemlos eingefügt und mit den wesentlichen Formatierungsmöglichkeiten bearbeitet werden. Auch die Seiten selber lassen sich farblich gestalten. Bilder und Videos können bequem integriert werden und es besteht die Möglichkeit, Musik bzw. Töne aus iTunes zu importieren oder mit der Aufnahmefunktion selber Aufnahmen zu machen. Mit Book Creator können Schülerinnen und Schüler beispielsweise Gedichte vertonen und bebildern, mit Hyperlinks multimediale Lesespuren oder zu Exkursionen, Schulreisen und Lerninhalten Dokumentationen verfassen. Denkbar ist auch, dass ältere Schülerinnen und Schüler für die jüngeren Kinder eine Art “Lehrmittel” zu einem sprachlichen Thema zusammenstellen und dabei ihr Wissen vertiefen.

iStopMotion (iOS): Die App ist auf allen Klassenstufen einsetzbar und ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern, aus Einzelfoto-Serien sogenannte Stop-Motion-Filme (Trickfilme) zu machen. Dank der Onion-Skin-Funktion werden die vorherigen Bilder transparent eingeblendet, wodurch der Bewegungsablauf sichtbar wird. Bei der Bearbeitung kann die Geschwindigkeit variiert, einzelne Bilder können gelöscht und nachträglich Tonaufnahmen aufgezeichnet werden. Mit iStopMotion Remote Camera kann das Tablet auch von einem anderen iOS-Gerät ferngesteuert werden. Dies hat den Vorteil, dass das Tablet fixiert werden kann und die Bilder nicht verwackeln. Für den Sprachunterricht wäre u. a. folgendes Szenario denkbar: In kooperativen Arbeitsformen wird eine gemeinsame Kurzgeschichte entworfen und anschließend ein Storyboard erstellt. In diesem Drehbuch werden Skizzen der Szenen gezeichnet. Und es wird beschrieben, was in der jeweiligen Szene passiert. Ebenfalls wird notiert, welche Figuren vorkommen. Die Lernenden können wählen, ob sie die Szenen als Legetrickfilm oder 3D-Animationsfilm darstellen wollen. Der Legetrickfilm stellt die einfachere Variante dar. Dabei werden alle benötigten Materialien ausgeschnitten und flach auf den Boden gelegt. Beim 3D-Animationsfilm werden Figuren aus Knetmasse oder Plastikfiguren benötigt, welche immer wieder umgeformt werden können. Zusätzlich braucht es eine Hintergrundlandschaft sowie zwei bemalte Seitenwände.

iMovie (iOS): Das Aufnehmen und Schneiden von Filmen ist mit dieser App keine Hexerei mehr. Im Sprachunterricht kann beispielsweise zu einer Klassenlektüre oder einem selbst ausgewählten Buch ein Buchtrailer produziert oder ein Drehbuch für einen Werbefilm entworfen und umgesetzt werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, eine kürzere oder längere Nachrichtensendung zu erstellen. Die App verfügt über vielfältige kreative Möglichkeiten, Filmsequenzen nachzubearbeiten (Filter, Musik, Töne, Tempo, etc.). Für erste Filmprojekte ist eine Dauer von maximal 2 bis 3 Minuten empfehlenswert.

Puppet Pals (iOS): Mit dieser App können selbst gebastelte oder ausgewählte Figuren animiert und dazu eine Stimme aufgenommen werden. Zudem ist es möglich, eigene oder heruntergeladene Fotos zu bearbeiten und als Hintergrund zu verwenden. Obwohl die App Puppet Pals auf den ersten Blick eher kindlich aussieht, besitzt sie auch für ältere Schülerinnen und Schüler durchaus Aufforderungscharakter. Diese App eignet sich beispielsweise, um Dialoge, Gedichte, Sagen oder einfache Anleitungen auf kreative und witzige Art und Weise zu präsentieren.

Tellagami (iOS/Android): Ganz ähnlich wie Puppet Pals funktioniert die App Tellagami. Die Schülerinnen und Schüler können eigene Avatare kreieren und dazu ein gewünschtes Hintergrundbild auswählen. Im Gegensatz zu Puppet Pals haben sie aber nur ein kurzes Zeitfenster zur Verfügung, um ihre Geschichte zu präsentieren. Sie können den entsprechenden Text entweder mit der eigenen Stimme aufzunehmen oder alternativ eine vorhandene Stimme auswählen und den Text schriftlich eingeben. Die Herausforderung für die Lernenden liegt darin, in einer kurzen Zeitspanne etwas auf den Punkt zu bringen oder einen Sachverhalt knackig zu erläutern.

Tellagami (iOS/Android): Ganz ähnlich wie Puppet Pals funktioniert die App Tellagami. Die Schülerinnen und Schüler können eigene Avatare kreieren und dazu ein gewünschtes Hintergrundbild auswählen. Im Gegensatz zu Puppet Pals haben sie aber nur ein kurzes Zeitfenster zur Verfügung, um ihre Geschichte zu präsentieren. Sie können den entsprechenden Text entweder mit der eigenen Stimme aufzunehmen oder alternativ eine vorhandene Stimme auswählen und den Text schriftlich eingeben. Die Herausforderung für die Lernenden liegt darin, in einer kurzen Zeitspanne etwas auf den Punkt zu bringen oder einen Sachverhalt knackig zu erläutern.

Keynote (iOS): Mit dieser App können einfach und schnell Präsentationen erstellt sowie Bilder, Texte, Audio- und Video-Dateien integriert werden. Die Gestaltungs- und Animationsmöglichkeiten sind zahlreich und verschiedenste ansprechende Layout-Vorlagen sind vorhanden. Keynote ist fächerübergreifend auf allen Schulstufen nutzbar und eignet sich auch sehr gut als Lern- oder Forschungstagebuch.

Comic Life 3 (iOS): Mit Comic Life können sehr ansprechende Fotoromane oder Comics erstellt werden und damit unter anderem die direkte und indirekte Rede geübt, eine Klassenlektüre oder ein Buchkapitel vertieft oder Klassenregeln auf spielerische Art und Weise umgesetzt werden. Verschiedenste Layout-Vorlagen stehen zur Auswahl und es besteht die Möglichkeit, Fotos oder Zeichnungen mit einer Auswahl verschiedenster Sprechblasen zu ergänzen und Farben sowie Schriftgrößen anzupassen.

Explain Everything (iOS/Android): Diese App ist für die Lernenden der Sekundarschule zu empfehlen, da sie ein gewisses Können erfordert, bis ansprechende Resultate erzielt werden. In Explain Everything können Bilder, Texte, Videos, Töne integriert und dazu genutzt werden, um Lerninhalte anderen Schülerinnen und Schülern zu präsentieren. Dabei funktioniert die App wie ein Screencast: Die verschiedenen Objekte auf der Bildfläche können bewegt und gleichzeitig kommentiert bzw. erklärt werden. Für die Primarschule ist die App 30Hands zu empfehlen. Diese hat einen wesentlich kleineren Funktionsumfang und verfügt über eine einfachere Handhabung. Sie eignet sich beispielsweise, um zu ausgewählten Bildern eine einfache Geschichte zu aufzunehmen.

MyMoment und YouType: Diese beiden digitalen Schreibplattformen für die Primar- bzw. für die Sekundarschule sind zwar keine klassischen Apps für Tablets, für das Digital Storytelling trotzdem sehr empfehlenswert. Problemlos können die Webadressen als Icons auf dem Home-Bildschirm erstellt werden. Die Schülerinnen und Schüler veröffentlichen unter einem Pseudonym ihre Geschichten. Zudem können die Texte anderer Autorinnen und Autoren gelesen, bewertet und kommentiert werden. Die Klassen müssen dazu vorgängig bei der Beratungsstelle für digitale Medien in Schule und Unterricht (imedias) angemeldet bzw. registriert sein.

Literatur

Kowalski, Guido (2013): Digital Storytelling. In: Im Blickpunkt.

Kuhn, Christina (2014): „Die Radieschen von unten ansehen“ – Digital Storytelling als handlungsorientierter Ansatz zur Förderung von Kommunikations- und Medienkompetenz im DaF-Unterricht. In: 8. Brasilianischer Deutschlehrerkongress.

Roos, Markus; Schwab, Stanley (2014): myPad im Kanton Solothurn. Schlussbericht zur Evaluation des Projekts myPad. Pädagogische Hochschule FHNW, Institut Weiterbildung und Beratung, Beratungsstelle Digitale Medien in Schule und Unterricht – imedias.

Wiesner, Esther; Fischer, Claudia (2014): Schlussbericht des Projekts «myPad multimodal» zuhanden des BKS. Im Auftrag des Departements für Bildung, Kultur und Sport des Kantons Aargau (BKS). [www.ag.ch; 05.01.2015].